Ein Kunde aus Schweden und großer Kenner sowie überzeugter Liebhaber der nordischen Mythologie beauftragte mich zum Ende des Jahres mit der Überarbeitung zweier schwedischer Brakteaten (einseitig geprägte Münzen bzw. Medaillen aus der Völkerwanderungszeit), die er teilweise ursprünglich in einem schwedischen Museumsshop erworben hatte und die für ihn in erheblichem Maße seine aktuellen Überzeugungen und religiösen Ansichten repräsentieren.
Als Produkte einer modernen Museumsvermarktung waren beide Brakteaten aus 925/- Silber zwar inhaltlich ernstzunehmende Repliken dieser frühen nordgermanischen Kultur, jedoch sofort als neuzeitlich und – sorry – etwas zu glatt und daher seelenlos hergestellte Kopien ohne jede Patina zu erkennen.
Mein Auftrag lautete deshalb, beiden Objekten durch diverse nachträgliche Patinierungen etwas mehr vom Zauber der antiken Originale „einzuhauchen“.

Nach intensiver Abstimmung mit meinem leidenschaftlichen Verehrer Freyas, Odins und Tors bzw. Thors (allesamt nordische Gottheiten) wurde am großen Brakteat die vorhandene, aber viel zu große Öse abgelötet und mit verkleinertem Durchmesser wieder angebracht, auf der Rückseite ein – über einer Sehne gewickelter – Draht in die hohle Presskante eingelötet, mit einer Pyramide aus Silberkügelchen ein moderner Silbergehaltsstempel auf der Schauseite abgedeckt und schließlich das ganze Objekt – ganz entgegen meinem goldschmiedischen Berufsethos und meinem Streben nach Präzision 😉 – mit allerlei Werkzeugen so unerbittlich malträtiert, als ob der Brakteat dann doch bereits viele hundert Jahre Leben auf dem Buckel hat. Quasi als späte Entschuldigung dafür, wurden beide Brakteaten dann aber noch verkupfert und mit einer kräftigen Feingoldschicht veredelt,
Das Ergebnis hat dann ganz offensichtlich auch meinen schwedischen Auftraggeber überzeugt:
„… Glad I did bump in to you, Stefani. You give this Bracteate a soul … and understand me in my spiritual thinking …“ (übersetzt etwa: „Ich bin froh, dich getroffen zu haben, Stefani. Du gibst diesem Brakteaten eine Seele und verstehst mich in meinem spirituellen Denken …“
„… I am happy as a child at yule tid …“ (übersetzt etwa: „Ich bin so glücklich wie ein Kind in der Weihnachtszeit“)
„… Hell Freya Hell Odin Hell Tor …“ … für die intimen Kenner der nordischen Mythologie 😉

Bedeutende Brakteaten-Funde in Skandinavien mit Schwerpunkt auf Schweden
Die Brakteaten Skandinaviens gehören zu den faszinierendsten Zeugnissen der germanischen Kunst- und Kulturgeschichte der Völkerwanderungszeit. Diese dünnen, meist einseitig geprägten Goldmedaillons, die zwischen dem 5. und frühen 7. Jahrhundert entstanden, verbinden in einzigartiger Weise politische Symbolik, religiöse Vorstellungen, technische Kunstfertigkeit und weitreichende Handelsnetzwerke. Unter allen Regionen, die Brakteaten hervorbrachten, spielt Skandinavien – und hier vor allem Schweden – eine zentrale Rolle. Die Fülle, Qualität und Vielfalt der dort gefundenen Stücke ermöglichen es, die geistige Welt, die sozialen Strukturen und die kulturellen Verbindungen der damaligen Gesellschaften besser zu verstehen.
Brakteaten als kulturelle Ausdrucksform
Bevor man sich den spezifischen Funden in Schweden zuwendet, lohnt ein Blick auf die Bedeutung der Brakteaten selbst. Sie waren keine Währung im üblichen Sinn, sondern fungierten primär als Amulette, Prestigegüter und Herrschaftssymbole. Ihr Design war stark symbolisch geprägt: Häufig erscheint eine gestaltete Hauptfigur – oft als Gott Odin interpretiert – flankiert von Tieren, Runeninschriften oder stilisierten Ornamenten. Die dünnen Goldbleche wurden meist an einer Öse getragen und signalisierten sowohl religiöse Zugehörigkeit als auch sozialen Status. Die reichhaltige Ikonografie lässt sich teils auf römische Münzen zurückführen, was zeigt, dass die germanischen Eliten stark von Kontakten zum Imperium beeinflusst waren, die Motive aber kreativ transformierten und in ihre eigene Mythologie einbetteten.
Schweden als Zentrum bedeutender Brakteaten-Funde
Schweden nimmt unter den nordischen Ländern eine besondere Stellung ein, wenn es um Goldbrakteaten geht. Während Dänemark zahlenmäßig etwas mehr Exemplare aufweist, stammen einige der bedeutendsten und ikonografisch komplexesten Stücke aus schwedischem Boden. Besonders die Regionen Gotland, Öland, Uppland und Småland sind reich an Funden und zeigen unterschiedliche regionale Ausprägungen.
1. Der Schatzfund von Öland
Öland, die langgestreckte Insel an der schwedischen Ostküste, ist eines der wichtigsten Fundgebiete für Goldschätze aus der Völkerwanderungszeit. Die Insel war in dieser Zeit ein florierendes Zentrum, dessen Bewohner offenbar über erhebliche Reichtümer verfügten. Einer der bekanntesten Funde ist der Schatz von Åker, der neben Goldbarren und römischen Münzen auch mehrere Brakteaten enthielt. Besonders bemerkenswert ist ein Brakteat vom Typ C, der eine zentrale anthropomorphe Figur zeigt, die über einem Pferd schwebt oder steht, flankiert von Runen. Die Kombination von menschlicher Gestalt und Pferdesymbolik wird oft mit Götterverehrung – insbesondere Odin – in Verbindung gebracht.
Ein weiterer bedeutender Fund wurde in Sandby borg entdeckt, einem ringförmigen Befestigungswerk, das in der Völkerwanderungszeit offenbar abrupt verlassen wurde. Dort kamen mehrere Brakteaten ans Licht, die möglicherweise Teil von Amulettsets waren. Diese Funde bezeugen nicht nur die künstlerische Fertigkeit der Goldschmiede, sondern auch die Existenz lokaler Eliten, die sich durch solchen Goldschmuck auszeichneten.
2. Gotland – ein Hort kontinentaler und lokaler Einflüsse
Gotland ist weithin bekannt für seine reiche Wikingerzeit-Archäologie, doch bereits in der Völkerwanderungszeit war die Insel ein Drehkreuz für Handel und kulturellen Austausch. Die zahlreichen Brakteatenfunde auf Gotland belegen, dass die dortigen Gemeinschaften tief in überregionale Netzwerke eingebunden waren. Eines der bekanntesten Stücke ist ein Brakteat aus Havor, der besonders hohe handwerkliche Qualität zeigt. Seine filigrane Ausführung, feine Goldarbeiten und sorgfältige Motivwahl sprechen für spezialisierte Werkstätten und möglicherweise eine hierarchische Gesellschaft, in der Schmuck dieser Art eine Rolle bei der Legitimation politischer und religiöser Macht spielte.
Manche gotländische Brakteaten weisen Runeninschriften auf, die sowohl Namen als auch kultische Formeln enthalten könnten. Diese sind wichtige Zeugnisse für das frühe Runenschriftwesen und erlauben Rückschlüsse auf religiöse Praktiken. Die Inschriften sind oft kurz und schwer zu deuten, doch sie liefern Hinweise auf rituelle Nutzungen, etwa als Schutzamulette.
3. Uppland – Brakteaten als rituelle Objekte
Die Region Uppland im mittleren Schweden ist weltweit vor allem wegen ihrer Runensteine bekannt, doch auch hier wurden bedeutende Brakteaten gefunden. Besonders der Fundplatz von Valsgärde, berühmt für seine Bootsgräberfelder, brachte mehrere Goldbrakteaten zutage. Obwohl die meisten Brakteaten in Schweden nicht aus Gräbern stammen, zeigen die wenigen Grabfunde, dass die Stücke durchaus im funerären Kontext Verwendung fanden. Dies unterstreicht ihren möglichen Charakter als Schutz- oder Statusobjekt, das die Toten auf ihrer Reise ins Jenseits begleiten sollte.
Ein bemerkenswertes Merkmal einiger Uppländer Brakteaten ist ihre starke Orientierung an römischen Vorbildern. Die aufgeprägten Köpfe erinnern deutlich an römische Kaiserporträts, wurden aber in der germanischen Tradition bewusst überarbeitet und mythologisch umgedeutet. Diese Mischung aus Aneignung und Neuerfindung zeigt, dass die skandinavischen Eliten sehr wohl mit der Bildsprache der Großmächte vertraut waren und sie für ihre eigenen Zwecke transformierten.
4. Småland – ein Beispiel für regionale Diversität
Auch im südschwedischen Småland wurden bedeutende Brakteatenfunde gemacht. Die Region ist weniger reich an Goldschätzen als Gotland oder Öland, doch einzelne Fundkomplexe zeigen, dass auch hier eine lebendige Elitekultur existierte. Ein besonders gut erhaltener Brakteat aus Södra Ljunga zeigt eine meisterhafte Ausarbeitung und ist mit einer längeren Runeninschrift versehen, die bis heute diskutiert wird. Dieser Fund verdeutlicht, dass innerhalb Schwedens deutliche regionale Unterschiede bestanden, was Stilrichtungen und Nutzungskontexte betrifft.
Die kulturelle Bedeutung schwedischer Brakteaten
Die Brakteaten Skandinaviens – und besonders die schwedischen Exemplare – sind weit mehr als dekorative Schmuckstücke. Sie stellen ein Bindeglied zwischen Mythologie, politischer Macht und sozialer Identität dar. Viele Forscher gehen davon aus, dass die Brakteaten als magische Amulette dienten, die Schutz bieten oder die göttliche Legitimation von Herrschern stärken sollten. Die häufige Darstellung einer zentralen Figur, oft interpretiert als Odin in seiner Rolle als Wissensbringer oder Heiler, weist auf eine starke mythologische Aufladung hin.
Zudem erlauben Brakteaten Einblicke in das Netzwerk skandinavischer Gemeinschaften in der Völkerwanderungszeit. Der Austausch von Gold, Motiven und technischen Fertigkeiten zeigt, dass Schweden nicht isoliert war, sondern aktiv an integrationsfähigen Systemen aus Handel, Diplomatie und Kultur teilnahm. Die schwedischen Brakteaten gehören zu den wichtigsten Belegen dieser Verbindung zwischen lokaler Kultur und überregionalen Einflüssen.
Fazit
Die bedeutenden Brakteatenfunde Skandinaviens, insbesondere in Schweden, eröffnen ein faszinierendes Fenster in die Kultur der frühen germanischen Gesellschaften. Von den reichen Schatzfunden Ölands über die Runenbrakteaten Gotlands bis hin zu den römisch beeinflussten Exemplaren Upplands zeigen sie eine bemerkenswerte Vielfalt an Symbolik und handwerklicher Kunstfertigkeit. Sie sind Ausdruck von Macht, Glauben und Identität einer Zeit des Umbruchs und stellen damit ein einzigartiges kulturelles Erbe dar, das bis heute Forscher und Laien gleichermaßen in seinen Bann zieht.

