Startschuss für ein außergewöhnliches Pektorale

Replik Mittelalterliches Pektorale

Im Spätherbst des Jahres 2020 gab ein angehender Priester bei uns die ersten Arbeiten an einem ganz einzigartigen und sehr persönlichen Pektorale in Auftrag: Dieses Pektorale bzw. Brustkreuz sollte einen Kern aus Silber in Form eines lateinischen Kreuzes erhalten, der zuallererst mit einem blauen Saphir in der Mitte und im Laufe der darauffolgenden Jahre dann nach und nach mit goldenen Beschlägen und mittelalterlichen Edelsteinen ergänzt wird, bis das ganze Pektorale schließlich vollkommen mit Gold, Filigran und Edelsteinen bedeckt ist.

Dafür stellte unser Kunde eine bemerkenswerte Sammlung mittelalterlicher Edelsteine zur Verfügung. Außerdem sollten die späteren Edelsteinfassungen sowie der Filigranschmuck möglichst exakt den Vorbildern am überaus berühmten Lotharkreuz aus der Domschatzkammer in Aachen entsprechen.

Sehr schnell wurde uns klar, dass unser außergewöhnlicher Kunde mit seinen wohlüberlegten Wünschen und präzisen Vorgaben über einen bemerkenswert hochtrainierten und besonders geschulten Sinn und Geschmack für mittelalterliche Goldschmiedearbeiten verfügt. Schließlich ist das Aachener Lotharkreuz nicht umsonst eines der edelsten Goldschmiedearbeiten und sicherlich ein Höhepunkt der uns bis heute überlieferten mittelalterlichen Gemmenkreuze.

So verwundert es auch nicht, dass bei der Auswahl der zu verwendeten Materialien nur hochlegiertes Gold und Silber in Frage kamen. Nach Rücksprache mit unserem Kunden fiel die Wahl schließlich auf 925/– Silber für das innere lateinische Kreuz und 750/– Gelbgold für alle Edelsteinfassungen und die späteren Filigranbeschläge für die gesamte Vorderseite des Pektorale.

Die Arbeiten an diesem – auch für uns – einzigartigen Auftrag begannen mit dem Legieren des 750/– Gelbgoldes für die besonders aufwändige Arkadenfassung des großen blauen Saphirs im späteren Zentrum des Pektorales. Dafür wurden die dazu erforderlichen Gewichtsanteile in reinem Gold und Silber in einen Schmelztiegel gegeben, um sie durch Einschmelzen miteinander zu verbinden, also zu “legieren”:

Goldlegierung für das ungewöhnliche Pektorale
Gold- und Silbernuggets für das Pektorale auf ihrem Weg in den Schmelztiegel



Durch Zuhilfenahme eines Gas-Brenners und bei über 1000 Grad wurden beide Edelmetalle untrennbar miteinander verschmolzen und schließlich so in eine vorbereitete Gußform umgefüllt:

Video: Einschmelzen der Gold- und Silbernuggets und Ausgießen der Goldlegierung




Der so entstandene “rohe” Goldstift aus nunmehr 750/– Gelbgold konnte ab jetzt durch Weiterverarbeitung in die verschiedenen Zierelemente der wichtigsten zentralen Edelsteinfassung – bestehend aus Goldblech mit Perldraht und Arkadenbögen – umgearbeitet werden.

Zuerst wurde aus einem Teil des Goldes ein hauchdünner Draht zur Anfertigung der Perldraht-Arkaden der zentralen Saphirfassung durch ein sogenanntes “Zieheisen” gezogen:

Drahtziehen Golddraht
Ziehen des Golddrahtes für die Arkadenfassung



Danach wurde ein passendes “Goldblech” für die spätere Einfassung des zentralen Saphirs ausgewalzt und schließlich alle einzelnen Zierelemente miteinander verlötet:

Goldene Arkadenfassung für ein Pektorale

Verlöten der Arkaden für die zentrale Saphirfassung



Nachdem die fertige Fassung – wie der Goldschmied sagt – “aus dem Feuer ist” und damit alle Lötarbeiten an der goldenen Fassung beendet waren, kam endlich der beabsichtigte mittelalterliche Charme dieser besonderen Edelsteinfassung zum Vorschein:

Video: Die goldene Arkadenfassung für den zentralen Saphir



Hier noch eine weitere Detailaufnahme der fertigen goldenen Arkadenfassung:

Detailaufnahme Arcadenfassung
So nah kann man den mittelalterlichen Goldschmiedemeistern kommen 😉



Die Fassung war nun fertig zur Montage auf dem silbernen Basiskreuz, das zur Aufnahme aller zukünftigen Zierelemente vorgesehen ist. Dafür wurde aus einem 2 mm starken Silberblech aus 925/– Silber die lateinische Kreuzform ausgesägt.

Danach konnte auch der schmale Rand ausgewalzt – und der Form des Kreuzes folgend – angefertigt werden, der später mit dem Basiskreuz verlötet wird:

Lateinisches Silberkreuz
Lateinisches Kreuz aus Silber mit Rand als Basis aller weiteren Zierelemente



Am oberen Rand des Kreuzes sollte auf Wunsch unseres Kunden eine goldene Öse angebracht werden, die man um 90° nach hinten wegklappen kann, um das Kreuz später neben seiner Funktion als Pektorale zusätzlich auch noch auf dem Altar liegend sowie in einer noch späteren Phase sogar zusammen mit einem gotischen Fuß als Standkreuz während der Messe verwenden kann. Somit erfüllt unser Pektorale also gleich drei Funktionen auf einmal und ist damit universell einsetzbar.

Für die Verwendung als Altarkreuz wurde auf der rückwärtigen Innenseite des unteren Kreuzarmes noch zusätzlich ein “Einschub” für eine Halterung auf dem später vorgesehenen gotischen Sockel des Kreuzes angebracht. So kann das Kreuz mit wenigen und sicheren Handgriffen während der Kirchenfeiern auf dem Altar aufgestellt und der Gemeinde präsentiert werden. Die ovalen Öffnungen der Halterung sind dafür gedacht, die späteren Edelsteinfassungen auf der Vorderseite des Pektorale zusätzlich von hinten mit ausreichend Licht zu versorgen.

Benutzung des Pektorale als Altarkreuz
Halterung für einen Sockel zur Nutzung des inzwischen bereits patinierten Pektorale als Altarkreuz




Ein ganz besonderes “Highlight” war schließlich die Gravur einer Schrift außen umlaufend auf dem Rand des Kreuzes auf besonderen Wunsch unseres Kunden in einer mittelalterlichen Schriftart. Diese lateinische Inschrift beinhaltet die Namen aller heutigen oder historischen Persönlichkeiten, die den Lebensweg unseres Kunden ganz entscheidend geprägt haben. Damit erhielt das Kreuz für ihn nochmals eine ganz besonders persönliche “Aufladung”.


Fräsgravur einer gotischen Umlaufschrift
Fräsen einer gotischen Umlaufschrift auf dem Rand des Pektorale
Umlaufschrift Gotische Minuskel
Mittelalterliche Inschrift in Gotischer Minuskel



Für die Fräs-Gravur der gotischen Umlaufschrift wurde ein Fräskopf verwendet, der nur wenig größer als ein menschliches Haar ist, genauer gesagt sogar nur 0,3 Millimeter groß. Die Arbeit mit einem solchen Werkzeug benötigt auf jeden Fall eine sehr sehr ruhige Hand und jede Menge Geduld 😉 :


Fräskopf zur Schriftgravur
Fräskopf zur Schriftgravur im direkten Größenvergleich mit einem menschlichen Haar



Abschließend wurde die umlaufende Inschrift noch geschwärzt und aufwändig patiniert, um deren Lesbarkeit zu optimieren und der Wirkung vergleichbarer Umlaufschriften aus dem Mittelalter möglichst nahe zu kommen.

Nachdem jetzt alle Einzelelemente des Pektorale fertiggestellt waren, konnte die zentrale Saphirfassung temporär im Zentrum des Kreuzes montiert werden. Sie wurde im Innern so gestaltet, dass sie einmalig wieder entnommen und später gemeinsam mit allen zukünftig fertiggestellten Goldbeschlägen auf der Vorderseite der Kreuzarme erneut und nunmehr dauerhaft mit dem Kreuz verbunden werden kann.

Auf Wunsch unseres Kunden wurde das Pektorale noch stark patiniert, d.h. es wurden künstliche Alterungsspuren auf allen Oberflächen angebracht und das Anlaufen von Silber wurde mit einer speziellen Chemikalie provoziert. Das so entstandene Pektorale kommt aus unserer Sicht der unvergleichlichen Ausstrahlung der mittelalterlichen Originale schon erstaunlich nahe:

Brustkreuz im Stil des Mittelalter
Fertig patiniertes Brustkreuz



Die erste Reaktion unseres Kunden fiel dann auch entsprechend deutlich aus. Offenbar ist es uns erneut gelungen, den Geschmack und die Erwartungen auch dieses so wohltuend anspruchsvollen Kunden genau zu treffen:

Kundenfeedback



Am Ende jedenfalls waren wir sehr berührt und beseelt davon, was an außergewöhnlichen Goldschmiedeobjekten doch entstehen kann, wenn der Auftraggeber und der ausführende Betrieb eine solch tiefe Leidenschaft für historische Goldschmiedearbeiten und die kompromisslose Umsetzung aller Details miteinander teilen.

Wir freuen uns schon heute sehr darauf, das Brustkreuz im Laufe der kommenden Jahre bis zu seiner vollständigen Fertigstellung – die komplette Vorderseite wird ab jetzt nach und nach mit mittelalterlichen Edelsteinen auf goldenen Beschlägen mit Filigranschmuck im Stil des Aachener Lotharkreuzes ergänzt – weiterzuentwickeln.


Mittelalter Edelsteine
Diese mittelalterlichen Edelsteine werden schon bald das ganze Pektorale schmücken



Der heutige Tag der Übergabe des Pektorale an unseren Kunden hier in unserem Atelier wird für uns sicherlich unvergesslich bleiben. Dieser Auftrag war und ist auch für uns etwas ganz und gar Befriedigendes und Einzigartiges.

Herzlichen Dank dafür an unseren “Traumkunden” … und an Alesha.